Rede zum 8.Mai auf der Gedenkveranstaltung und Ehrung der Häftlinge des KZ-Außenlagers Berlin-Lichterfelde
Sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrte ehemalige Häftlinge des KZ Lichterfelde,
liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrte Damen und Herren,
heute – am 8. Mai erinnern wir an die 64. Wiederkehr des Tages, an dem die Deutschen von der Diktatur des Nationalsozialismus befreit wurden.
Wir ehren hier zugleich die ehemaligen Häftlinge des KZ-Außenlagers Berlin – Lichterfelde.
Der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung.
Viele Nationen gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging.
Für uns Deutsche wurde der 8. Mai der „Tag der Freiheit“.
Dieser Tag hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Es ist ein Tag der Erinnerung an das, was die Zeitgenossen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über unsere Geschichte.
Wir gedenken heute aller Opfer der Gewaltherrschaft und des Krieges.
Wir erinnern insbesondere an die sechs Millionen Juden, die unter der deutschen Herrschaft in Europa ermordet wurden.
Es war die deutsche SS und Polizei, die deutsche Wehrmacht, deutsche Beamte und Angestellte in der Verwaltung sowie zahlreiche deutsche Mitläufer und Zuschauer, die den Massenmord ermöglichten und durchgeführt haben.
Wir gedenken aller Nationen, die im Krieg gelitten haben, vor allem der vielen Menschen der Sowjetunion und Polen, die ihr Leben unter deutscher Herrschaft verloren haben.
Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer politischen Überzeugung willen sterben mussten.
Wir erinnern an die Opfer des Widerstandes in allen von deutschen Truppen besetzten Staaten.
Wir ehren das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes.
Uns - den Nachgeborenen bleibt die Aufgabe der Erinnerung und der Vergegenwärtigung daran, dass nationalistischer Größenwahn und Rassismus jede Schranke von Gesetz und Moral überschritten und einen Zivilisationsbruch ohnegleichen vollzogen haben.
Auch dieser Ort, an dem wir heute stehen, ist ein Zeugnis dieses Grauens.
Hier im KZ-Außenlager Berlin-Lichterfelde, einem der 67 Außenlager des KZ Sachsenhausen wurden bis zu 1500 Häftlinge gefangen gehalten und als Zwangsarbeiter ausgebeutet.
Wer sich dem Zwangs – und Ausbeutungssystem der SS verweigerte, musste mit seiner Ermordung rechnen.
So wurde zum Beispiel Wilhelm Nowak, 22 jährig, wegen seines Fluchtversuchs aus der Zehlendorfer Spinnnstoff-Fabrik am 22.8.1944 gegen 18.30 Uhr vor den Augen aller angetretenen Häftlinge mit einem Würgegalgen qualvoll erdrosselt.
Die Geschichte lässt uns nicht los.
Wie grausam ist die Erkenntnis zum Beispiel, dass wir erst jetzt uns um die Versorgung von geisteskranken älteren Menschen kümmern müssen, weil nach dem Rassenmord niemand zu versorgen geblieben war.
Wollen wir, dass die Geschichte uns loslässt?
Nein! Das wollen wir nicht, denn wenn wir unsere Geschichte nicht kennen, dann können wir weder unsere Gegenwart verstehen noch unsere Zukunft angemessen gestalten.
Manche meinen, wir hätten uns lange genug mit der Geschichte des Nationalsozialismus in unserem Land beschäftigt und sollten einen Schlussstrich darunter ziehen.
Das ist nicht nur ein fataler Irrtum, sondern auch ein falsches Verständnis von Geschichte. Gerade in den letzten Jahren haben wir erlebt, dass sich die Fragen an unsere Geschichte ständig ändern und erweitern. Jede Generation wird mit neuem Interesse und mit neuen Fragestellungen an die Vergangenheit herangehen. Deshalb muss Geschichte immer wieder neu erzählt und weitergegeben werden.
Die Erwartung an ein Ende der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit führt in die Irre.
Deshalb sind Gedenktage wie der heutige wichtig. Sie sagen etwas darüber aus, was eine Gesellschaft für notwendig hält. Sie lassen uns innehalten in der alltäglichen Geschäftigkeit.
Ebenso wichtig sind aber auch Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Wesentliches nicht vergessen wird.
Deshalb bin ich der Initiative „KZ-Außenlager Lichterfelde“ um Klaus Leutner dankbar, dass sie ihre Forschungs -und Dokumentationsarbeit um das Außenlager begonnen haben und auch fortführen. Ohne Ihr Engagement und Ihre Arbeit wären wir heute wahrscheinlich hier nicht zusammengekommen.
Auch bin ich sehr stolz darauf, dass in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Außenlager Lichterfelde das Denkmal „Die Säule der Gefangenen“ am 31.10.2000 eingeweiht worden ist. Ich halte dieses Denkmal des Bildhauers Günther Oellers für gelungen. Die Kette, die um das Kunstwerk geschlungen ist, symbolisiert Gefangenschaft und Gewalt.
Denkmäler manifestieren unsere Erinnerung über das ganze Jahr- auch über den 8. Mai hinaus.
An diesem Ort wird sicher der eine oder andere daran denken, wie es sein wird, wenn wir keine Zeitzeugen mehr haben und es die bedrückenden persönlichen Schilderungen nicht mehr gibt, die uns immer wieder daran erinnern, dass das unfassbar Erscheinende tatsächlich geschehen ist.
Denn es nicht das gleiche dies nur in Büchern und Dokumenten zu lesen.
Hier liegt vor uns eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft.
Wir - wie auch die, die nach uns kommen - , sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber wir und sie sind verantwortlich für das, was mit der geschichtlichen Erinnerung gemacht und welche Folgerungen daraus getroffen werden.
Wir – die wir den Zeitzeugen noch zugehört und ihr Leid gespürt haben – müssen denen, die nach uns kommen helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.
Sie müssen sich auf die geschichtlichen Tatsachen einlassen. Sie müssen sich der Wirklichkeit von damals stellen – um der Zukunft willen.
Wir bleiben als Menschen gefährdet. Wir müssen die Kraft haben, Gefährdungen der Freiheit zu erkennen und abzuwehren.
Wir hatten die Chance zum Neubeginn und wir haben sie genutzt, so gut wir konnten.
Vier Jahre nach Kriegsende am heutigen 8. Mai 1949 beschloss der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. Es war die Antwort der Demokraten auf das Ende von Gewaltherrschaft und Krieg.
Nichts steht dafür deutlicher, als Artikel 1 unserer Verfassung., der da heißt:
„ das deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
Gerade das Jahr 2009 steht dafür: Wir feiern 60. Jahre Grundgesetz.
44 Jahre nach dem Ende des Krieges waren die Deutschen in zwei politische Systeme getrennt.
In diesem Jahr aber können wir bereits 20 Jahre Mauerfall feiern.
Wir Deutsche sind eine Nation und wir sind glücklich, dass keine Mauern uns mehr trennen.
Wir fühlen uns zusammengehörig, auch weil wir weitgehend dieselbe Geschichte miteinander tragen. Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal erlebt, das uns eint. Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden.
Unsere Demokratie braucht stets aufs Neue unsere Unterstützung. Schutz vor denen , die Demokratie abschaffen wollen. Das ist die Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger und aller demokratischen Parteien.
Wir sind uns dieser Verpflichtung in Steglitz-Zehlendorf bewusst. So hat das Bezirksamt der NPD in jüngster Zeit mehrmals zu verstehen gegeben, dass sie in Steglitz-Zehlendorf nicht willkommen sind.
Für den Ungeist von Nationalsozialismus und Rassismus gibt es hier keinen Raum. Wir müssen wachsam bleiben.Wir schauen nicht weg. Wir zeigen Gesicht.
Die Zivilcourage, die Vertreter des tschechischen Volkes bewiesen haben, als sie die Menschen im Zug mit Lebensmitteln versorgten – wie Herr von Steinitz berichtete – ist immer wieder – auch heute – nötig.
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler,
Zivilcourage, Solidarität, Mitmenschlichkeit sind große Worte.
Es wird Momente in Ihrem Leben geben oder hat sie schon gegeben, wo Sie ganz persönlich diese Worte mit Leben füllen können.</p>
Wir alle müssen lernen, diese Momente zu erkennen.
Wir müssen lernen zu unterscheiden zwischen dem, was andere richtig finden und was man selbst für richtig und gerecht hält.</p>
Wir müssen auf unser Gerechtigkeitsempfinden hören und danach handeln. Wir dürfen nicht wegschauen. Wir müssen erkennen, wenn Menschen in Not sind und helfen.
Wir werden auch nicht vergessen, dass die Deutschen lange Zeit zu schwach waren, die Demokratie politisch zu wollen.</p>
Das heutige Europa aber steht für vieles, was wir bisher geschafft haben. Es steht vor allem für Friedenspolitik. Auch diesbezüglich ist 2009 mit den Wahlen zum europäischen Parlament ein besonderes Jahr.
Wir wissen:
Es gibt keine Alternative zur europäischen Idee. Sie muss aber täglich neu gelebt werden.
In Berlin stand an vorderster Stelle der spätere Friedensnobelpreisträger Willy Brandt. In seiner Nobelpreisrede in Oslo 1971 sagte er: „ Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein. Ein guter Deutscher weiß, dass er sich einer europäischen Bestimmung nicht versagen kann.“
Meine Bitte ist, schauen wir am heutigen 8.Mai, so gut wir können, der Wirklichkeit ins Auge.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

